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Um den Ausbau einer Erdgasanlage zu ermöglichen, hat die australische Regierung der Zerstörung von bis zu 30 000 Jahre alten Felsgravuren der Ureinwohner zugestimmt. Aborigines sprechen vom „auseinander brechen unserer Bibel”...
Von Urs Wälterlin, Dampier (Westaustralien)
Im isolierten Nordwesten Australiens hat in diesen Tagen die Entfernung von bis zu 30 000 Jahre alten Felsgravuren begonnen. Die so genannten Petroglyphen auf der Burrup-Halbinsel in der Nähe der Stadt Dampier gehören zu den ältesten bekannten Formen von Menschenhand geschaffener Kunst. Die ersten Australier meißelten Bilder von Tieren und mythischen Gestalten in tausende von Granitblöcke, die den Küstenstreifen im Dampier-Archipel säumen. Laut Robert Bednarik vom Internationalen Verband für Felsenkunst bieten die Bilder einen einzigartigen Einblick in die Geschichte der Besiedlung des Antipodenkontinents. „Diese Kunst gibt es sonst nirgendwo“. Wissenschaftler rund um den Globus bezeichnen die Gravuren als Weltkulturerbe. Sie seien so bedeutend wie die Pyramiden in Ägypten und die Höhlenzeichnungen im französischen Lascaux.
Gas statt Kunst
Doch etwa 200 dieser Urkunstwerke müssen jetzt einer Industrieanlage weichen. Der damalige konservative australische Umweltminister Malcolm Turnbull hatte im vergangenen November dem Erdöl- und Gasgiganten Woodside Petroleum grünes Licht zur Entfernung der Gravuren gegeben, damit die Firma ihre Anlage zur Lagerung und Verschiffung von Erdgas erweitern kann. Vor der Halbinsel liegt eines der grössten Erdgasfelder der Welt. Australien hat Lieferverträge mit China und Japan unterzeichnet, die dem Land dutzende von Milliarden Dollar einbringen. Ebenfalls in Dampier liegt der Verladehafen für Eisenerz, das der globale Rohstoffgigant Rio Tinto in mehreren westaustralischen Minen fördert. Hunderte Millionen Tonnen Erz werden pro Jahr exportiert; vor allem ins rohstoffhungrige China. Orangefarbener Metallstaub bedeckt die ganze Region. Vorwürfe von Umweltschützern, durch die Verschmutzung würden auch die Felsgravuren beschädigt, weisen sowohl Rio Tinto als auch die Regierung von Westaustralien mit Hinweis auf wissenschaftliche Untersuchungen zurück. Noch nicht klar ist, wie die Ende letzten Jahres gewählte Labor-Regierung von Premierminister Kevin Rudd die Situation beurteilt. „Wir hatten bisher von Umweltminister Peter Garrett keine Reaktion auf Anfragen“, so Bednarik. Garrett ist der frühere Leadsinger der australischen Rockgruppe Midnight Oil und hat sich in der Vergangenheit einen Namen als engagierter Umweltschützer gemacht.
Alternative wäre möglich
Der Großteil der auf der Burrup-Halbinsel lebenden Aborigines wurde 1868 während eines Massaker von der Polizei ermordet. Die Nachfahren der wenigen Überlebenden wehren sich gegen die Bulldozer. Für die Ureinwohner ist die Zustimmung aus Canberra ein „schrecklicher Entscheid“, so der Stammesälteste Wilfred Hicks. „Sie brechen unsere Bibel auseinander. Die Bibel der Aborigines ist auf diesen Felsen“. Kritiker der Zerstörung der Felsbilder hatten in einer Petition gefordert, die neue Anlage solle in einem bestehenden Industriequartier 40 Kilometer südlich gebaut werden. Dort gibt es keine Aboriginal-Kulturstätten. Eine solche Lösung sei aus Kostengründen aber „keine leichte Option für die Investoren“, so die westaustralische Regierung in einer Stellungnahme. Auch dieser Bundesstaat profitiert signifikant von der weltweiten Nachfrage nach Rohstoffen.
„Obszöne“ Argumentation
Für „Joe“, einen Bewohner von Dampier, der für Rio Tinto arbeitet und sich wie viele in der Bergbauindustrie Beschäftigte aus Angst um den Arbeitsplatz nicht öffentlich äußern will, ist eine solche Argumentation „obszön“. Angesicht der massiven Gewinne, die Woodside dank des Rohstoffbooms mache, „könnten die das aus der Kaffeekasse bezahlen“. So werden wohl auch die neusten „verlegten“ Felsen auf einer Halde landen, wie jene, die beim Bau der ersten Anlage in den sechziger Jahren entfernt worden waren. Die Steine liegen seither in der Nähe der Gasanlage, ungeschützt vor Dieben und Vandalen, hinter einem wackeligen rostenden Zaun; einem Feld zerbrechender Grabsteine ähnlich.
Urs Wälterlin
Journalist BR - Foreign Correspondent
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