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Samstag 10. Juli 2010
Chile: Lachsfarmen bedrohen das Ökosystem
© heike vesters

© heike vesters

Weitgehend unbemerkt hat sich in den letzten Jahren die Lachsindustrie im bisher fast unberührten Süden des Landes ausgebreitet. Das rasante Wachstum bedroht akut den Lebensraum der dort heimischen Seelöwen ...

Eher zufällig haben die Forscher vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und der Universität Göttingen die bisher unbekannten Auswirkungen der industriellen Lachsfarmen auf das Ökosystem der Küste entdeckt. Eigentlich wollte die Gruppe die akustische Kommunikation der einheimischen Wale in der Region untersuchen, als sie auf die in bisher ungeahnte Bedrohung in der Region Aysén aufmerksam wurde. 

Mit einem Exportvolumen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar ist Chile weltweit einer der wichtigsten Produzenten von Zuchtlachs. Die massenhafte Aquakultur konzentriert sich vor allem auf die verzweigten Fjorde der Provinz Aysén in Patagonien. Während Teile der Provinz selbst den Status eines Nationalparks haben, gilt dieser Schutz nicht für das angrenzende Meer. Die somit aus Sicht der Regierung völlig legalen Lachsfarmen haben zum Teil verheerende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem - auch weil der atlantische Lachs in Chile ein Fremdling ist, Krankheiten einschleppt und so die bedrohten einheimischen Arten zusätzlich unter Druck setzt.



In den vergangenen zwei Jahren hatte der Virus ISA (infectious salmon anemia), der bei Lachsen zu Blutarmut und Tod führt, viele Betreiber der Aquakultur im Norden Chiles zum Aufgeben gezwungen. "Doch nun breiten sich die Farmen immer weiter nach Süden aus", berichtet Heike Vester von der norwegischen Forschungseinrichtung Ocean Sounds, die derzeit am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und an der Universität Göttingen promoviert. Da die verzweigten Fjorde der Region von Land aus nur schwer zugänglich sind, zeigte sich ihr das gesamte Ausmaß erst bei Studien vom Wasser aus.

Vesters Fotos dokumentieren unter anderem die Gefahr für den Südamerikanischen Seelöwen. Als Junge verfangen sich die Tiere in den Schutznetzen, welche die Lachsfarmen eingrenzen. Selbst wenn die Seelöwen sich losreißen können, bleibt oft ein Teil des Netzes zurück, an dem sie im Verlauf ihres Wachstums ersticken.

Zudem belasten die Lachsfarmen das Ökosystem durch Futterreste, den Kot der Tiere sowie den Einsatz von Medikamenten und Pestiziden. In der unmittelbaren Umgebung der Farmen existiert keinerlei Leben mehr.

Akustische Messungen, welche die Biologin vor Ort unter Wasser durchführte, weisen zudem auf eine unsichtbare Bedrohung hin: Der Bootsverkehr mit Versorgungsschiffen und die Generatoren der Futtermaschinen sorgen für einen ständigen Lärmpegel. "Dieser Lärm kann die bedrohten Meeressäuger wie etwa Blau-, Buckel- und Seiwale sowie Peale-Delfine und Chilenische Delfine vertreiben und ihre Kommunikation in den verzweigten Fjorden und Kanälen stören", erklärt Marc Timme vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation.

Auch der Norden der Provinz Aysén, wo viele Lachsfarmen auf Grund des Virus stillgelegt und verlassen wurden, bietet ein trostloses Bild. "Die kranken Fische wurden offenbar nicht entsorgt, sondern zum Teil einfach in Plastikbeuteln im Wasser versenkt", schildert Vester ihre Beobachtungen. "Der Virus konnte so offenbar in das Ökosystem eindringen", so die Schlussfolgerung der Biologin. Die Auswirkungen auf die einheimische Flora und Fauna seien nicht abschätzbar.



In ihrer Stellungnahme an die Zeitschrift "Nature" schlagen die Göttinger Forscher nun vor, dass Lachsindustrie, lokale Fischer und Umweltschützer gemeinsam eine Lösung des Problems suchen. In Ländern wie Italien, Australien und den USA wird ein solches gemeinsames Vorgehen bereits erprobt. Ziel muss es sein, dass neben den Lachsfarmen auch die einheimischen Fischer und die Umwelt zu ihrem Recht kommen. Nur so lasse sich auch ein schonender Tourismus als aussichtsreicher, neuer Industriezweig etablieren.

Quelle: idw-online.de

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